Omnichannel ist ein dankbares Thema für PowerPoint – und ein undankbares für den Maschinenraum, also die Operative. Denn technisch ist vieles heute lösbar: Skill-Base-Routing, Skill-Verwaltung, Priorisierung (Quality-of-Service), Workforcemanagement, KI-Agents, Zusammenführung von Kontaktverläufen. Und trotzdem wirkt der Kundenservice vieler Unternehmen gleichzeitig erstaunlich modern und erstaunlich fragil.
Das Paradox hat selten mit fehlender Technologie zu tun. Es hat mit einem verkürzten Optimierungsverständnis zu tun. Wir optimieren oft, was sich leicht messen lässt – und übersehen in der Regel, was Wert schafft.
Dieser Beitrag ist deshalb bewusst kein Technik-How-to („wie route ich einen Call zum richtigen Mitarbeiter“). Er ist ein Blick auf Omnichannel als Organisations- und Wertbeitragsfrage – und auf die Effizienzfalle, in die viele Serviceorganisationen hineinoptimieren.
1) Die Omnichannel-Verwechslung: „Mehr Kanäle“ ist nicht „besserer Service“
Omnichannel wird in vielen Organisationen als Ausbaustufe verstanden: Mehr Touchpoints, mehr digitale Kontaktmöglichkeiten, mehr Self-Service, mehr Automatisierung. Das klingt nach Fortschritt – führt aber oft nur zu mehr Komplexität.
Das Problem: Kanäle sind nicht neutral. Jeder Kanal bringt eigene Erwartungen der Kunden mit sich und Anforderungen an die Mitarbeitenden:
- Telefon/Voice ist synchron, erwartungsintensiv und eskalationsnah.
- E-Mail ist asynchron, dokumentationsstark, aber langsam und häufig missverständlich. Es kann zu vermehrten Schriftwechseln kommen, bevor ein Problem gelöst wird.
- Chat ist schnell, aber „flüchtig“ und sensitiv gegenüber Wartezeiten. Wir nennen es gerne auch semi-synchron, in Anlehnung an den Telefonkanal.
- Messenger (z. B. WhatsApp) wirkt persönlich und niedrigschwellig – ist aber inhaltlich oft unstrukturiert und die Beteiligten müssen sich in der Kommunikation kurz fassen.
- Social/DMs sind öffentlichkeitsnah (auch wenn die Interaktion privat ist), reputationssensitiv und stark stimmungsgetrieben.
- Self-Service/Portale/Community sind skalierbar, aber nur dann wertvoll, wenn sie wirklich Probleme lösen (nicht nur ablenken).
Wenn man diese Unterschiede ignoriert, passiert etwas Typisches:
- Man öffnet Kanäle.
- Man misst Volumen, AHT, SL, Auslastung.
- Man optimiert auf Geschwindigkeit.
- Man wundert sich, warum die Wiederholkontakte steigen, die Mitarbeitenden ausbrennen und die Kund:innen trotzdem „nicht zufrieden“ sind.
Omnichannel scheitert selten an der Plattform. Omnichannel scheitert daran, dass Unternehmen Kanäle als Technik behandeln – statt als Teil eines Wertversprechens.
2) Effizienz ist kein Wertbeitrag (und Geschwindigkeit ist nicht einmal Effizienz)
Effizienz ist ein verführerisches Wort, weil es nach Rationalität klingt. In der Praxis wird Effizienz im Kundenservice aber häufig gleichgesetzt mit:
- „kürzer telefonieren“
- „mehr Tickets pro Kopf“
- „höhere Auslastung“
- „weniger Kontakte“
- „mehr Automatisierung“
Das ist nicht per se falsch. Falsch wird es, wenn die Zielgröße nicht mehr lautet „wir lösen Probleme“, sondern „wir schließen Vorgänge“. Dann optimiert man auf das Messbare – und macht die Organisation schneller in einem System, das möglicherweise ohnehin falsch gebaut ist. Dazu passt der Satz, der im Kontext Digitalisierung zum Klassiker wurde:
„Wenn Sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben Sie einen scheiß digitalen Prozess.“
In Omnichannel-Strukturen gilt: Wenn Sie einen unklaren Serviceauftrag „omnichannelisieren“, dann haben Sie einen unklaren Serviceauftrag – auf mehr Kanälen.
3) Was die Forschung nahelegt: Reibung rausnehmen schlägt „Begeistern“
Viele Unternehmen versuchen Kund:innen im Service „zu begeistern“. Das kann sehr teuer sein. Und leider oft wirkungslos. Die Forschung von Dixon, Freeman und Toman (Corporate Executive Board; bekannt u. a. durch den Havard Business Review (HBR) Beitrag Stop Trying to Delight Your Customers) hat in den letzten Jahren vor allem eine Perspektive stark gemacht: Kund:innenloyalität im Service wird weniger durch „Delight“ getrieben, sondern durch das Reduzieren von Aufwand und Reibung.
Selbst wenn man über einzelne Kennzahlen streiten kann, ist die operative Konsequenz gravierend. Omnichannel darf eben nicht heißen:
- „Wir bieten überall Kontakt“
sondern:
- Wir verhindern unnötigen Kontakt“
- „Wir lösen Anliegen beim ersten Mal“
- „Wir vermeiden Kanalwechsel, Wiederholkontakte und Eskalationsschleifen“
Denn Kanalwechsel, Wiederholkontakte und Eskalationen sind in der Regel kein Zeichen von „hoher Service-Nutzung“, sondern ein Zeichen von ungeklärter Verantwortung im System.[1]
4) Die Effizienzfalle im Omnichannel: Wenn KPI-Gymnastik den Wert überdeckt
Die Effizienzfalle entsteht dort, wo Kennzahlen zwar vorhanden sind, aber die falschen Zusammenhänge erzählen. Lassen Sie uns einmal auf drei typische Mechaniken im Folgenden einen Blick werfen.
4.1 AHT sinkt – und die Kosten steigen trotzdem
Wenn Gesprächszeiten (AHT) sinken, feiert man. Gleichzeitig steigen Wiederholkontakte, Rückrufe und Eskalationen. Das ist dann keine Effizienzsteigerung, sondern Kosten-verlagerung.
4.2 Self-Service-Quote steigt – und die Kundenzufriedenheit fällt
Self-Service wird oft als „Deflection“ gebaut: Hauptsache weniger Kontakt. Wenn Self-Service Portale jedoch nicht final lösen, sondern nur ablenken, erzeugen sie:
- Zusätzlichen Kanalwechsel
- Frust
- Doppelte Erklärlast („Ich habe das schon im Portal gemacht…“)
4.3 Auslastung steigt – und die Organisation wird fragil
Hohe Auslastung wirkt klassischerweise effizient. Die Serviceorganisation nutzt die Ihr zur Verfügung gestellten Ressourcen scheinbar optimal. In realen Serviceumgebungen ist sie aber oft das Gegenteil: Sie senkt Puffer, reduziert Lernfähigkeiten, erhöht Fehlerquoten und macht jede Störung zum Krisenmodus. Omnichannel ist damit nicht nur Lastverteilung. Es kann auch die Störungsanfälligkeit erhöhen.
5) Omnichannel als Wertbeitragsmodell
Die Kernfrage die uns in einer Serviceorganisation beschäftigen soll ist: Welche Kontakte sind „wertvoll“? Der entscheidende Perspektivwechsel lautet „Nicht jeder Kontakt ist gleich. Und nicht jeder Kontakt ist „zu vermeiden“, denn er kann Wert für das Unternehmen erzeugen.“
Im Kundenservice gibt es wenn wir mal ganz vereinfacht auf den Alltag schauen grob drei Kontaktarten:
- Wertschaffende Kontakte
z. B. Beratung, Risikohinweise, komplexe Problemlösung, aktive Stabilisierung von Kundenbeziehungen. - Notwendige Pflichtkontakte
z. B. regulatorische Themen, Identitätsprüfung, Reklamationsprozesse. - Wertvernichtende Kontakte
z. B. Nachfragen wegen unklarer Kommunikation, Prozesslücken, Statusabfragen, Korrekturen.
Omnichannel wird erst dann strategisch sinnvoll, wenn ein Unternehmen diese Kategorien sichtbar macht und seine Kanäle danach gestaltet. Das Management will zu Recht wissen: Wo ist der Business Case? Wann rechnet sich unser Kundenservice? Ein Teil der Antwort fällt klassisch aus „Erhöhung der Kundenbindung und Steigerung der Profitabilität“. Was sicherlich abhängig von den Zielmarkt ist, den man bedient.
Frederick Reichheld, von Bain & Company zeigt in seinem Beitrag die Größenordnung von Kundenzufriedenheitssteigerungen. Zum Beispiel kann eine Erhöhung der Kundenbindung um 5 %, zu einer Margensteigerungen in der Größenordnung von 25 % bis 95 % führen, sicherlich abhängig von der Branche und den entsprechenden Modellannahmen.[2]
Man muss diese Zahl nicht als exakte Maßeinheit verstehen – aber sie zeigt welcher Beitrag Kundenservice zur Profitabilität eines Unternehmens leisten kann.
- Kundenservice ist nicht nur Kostenstelle.
- Kundenservice ist eine Maschine für Bindung, Risikoabsicherung und Vertrauen.
Und Vertrauen ist im Omnichannel-Kontext eine stille Währung. Wer an einem Kanal „schnell“ ist, aber im nächsten Kanal nicht anschlussfähig, verbrennt Vertrauen systematisch und verliert Wert.
Kundenservice neu denken – drei Fragen an Attikus A. Schacht
Herr Schacht, warum scheitern so viele Omnichannel-Initiativen trotz moderner Technologie?
Weil sie an der falschen Stelle starten. Man baut Kanäle und Automatisierung, bevor man den Serviceauftrag, die Kontaktlogik und die Entscheidungsrechte geklärt hat. Technologie skaliert dann nicht Leistung – sie skaliert Unklarheit.
Was ist aus Ihrer Sicht der größte Denkfehler beim Thema Effizienz in Omnichannel?
Effizienz wird mit Geschwindigkeit verwechselt. Schneller zu sein ist nur dann effizient, wenn man das richtige Anliegen beim ersten Mal löst. Sonst ist es nur eine Beschleunigung von Rework und Kanalwechsel.
Was ist der entscheidende Hebel für zukunftsfähigen Omnichannel-Kundenservice?
Service Design plus Führung. Erst wenn klar ist, welche Kontakte Wert schaffen, wie Prozesse entlang der Journey greifen und wie Mitarbeitende sinnvoll entscheiden dürfen, kann Technologie ihre Wirkung entfalten.
6) Effizienz ohne Organisation ist nur Beschleunigung
Viele Omnichannel-Programme starten bei der Technologie: Plattform auswählen, Kanäle anbinden, KI-Bausteine pilotieren. Das ist nachvollziehbar – aber gefährlich. Denn Technologie verstärkt, was organisatorisch bereits angelegt ist. Die OECD beschreibt im Kontext Digitalisierung und Produktivität seit Jahren ein Muster, das man sinngemäß auch im Service sieht. Digitale Technologien entfalten Produktivitätseffekte nicht automatisch, sondern häufig nur in Kombination mit komplementären Faktoren wie Skills, intangibles und organisatorischen Anpassungen (im OECD-Kontext: Diffusion, intangibles, Fähigkeiten, Managementpraktiken).[3]
Übertragen auf Omnichannel heißt das:
- Ein Kanal ist keine Leistung.
- Ein Bot ist kein Prozess.
- Ein Routing ist keine Verantwortung.
Omnichannel-Produktivität entsteht nicht durch Tooling, sondern durch Gestaltung.
7) Service Design als Gegengift zur Effizienzfalle
Service Design wird gerne als „Workshop-Disziplin“ missverstanden. Tatsächlich ist es in Omnichannel-Programmen eine notwendige Denkhaltung, weil es zwei wichtige Dinge erzwingt:
- Kontaktanlässe ernst nehmen
Warum kommen Kund:innen überhaupt? Was ist der Auslöser? Was ist das erwartete Ergebnis? - Service als System sehen
Frontstage (Kanal), Backstage (Prozess), Rollen, Policies, Wissensarbeit, Entscheidungsrechte.
Wenn man das auslässt, passiert KPI-Gymnastik. Man optimiert Kennzahlen bis zum geht nicht mehr. Das Kundenerlebnis und damit auch das Mitarbeitererlebnis verbessert sich nicht. Und last but not least auch die Organisation wird nicht robuster.
Oder anders ausgedrückt, ist Omnichannel ohne Service Design oft nur Multichannel mit gemeinsamem Reporting.
8) Führung: Der unterschätzte Teil jeder Omnichannel-Transformation
Die Effizienzfalle ist selten ein Rechenfehler. Sie ist eine Führungslogik. Wo Führung fehlt, entstehen in der Regel Ersatzmechanismen wie zum Beispiel:
- Detaillierte Vorgaben
- Enge Zielkorridore
- Eskalationslogiken
- Verantwortung in Silos
Kurzfristig erzeugt das Kontrolle, langfristig verhindert es ein selbständiges Lernen. Omnichannel erhöht in diesem Fall einfach nur die Zahl der Übergänge. Übergänge erhöhen dann die Notwendigkeit, Entscheidungen dort zu treffen, wo das Problem entsteht. Das bedeutet:
- Weniger Mikromanagement
- Mehr Entscheidungsspielraum
- Klare Leitplanken (Policy), statt kleinteiliger Regeln
Eine omnichannelfähige Organisation erkennt man nicht an der Zahl der Kanäle. Man erkennt sie daran, ob Mitarbeitende sinnvoll entscheiden dürfen, um Anliegen wirklich zu lösen.
9) Ein pragmatischer Ansatz für Entscheider: Drei Fragen, bevor Sie „noch einen Kanal“ starten
Wenn Omnichannel nicht als Technikprojekt laufen soll, helfen drei Managementfragen, die wir in unseren Beratungsprojekten gerne stellen:
Frage 1: Welche Kontakte wollen wir mehr – weil sie Wert schaffen?
Beispiele aus der Praxis:
- Proaktive Stabilisierung bei Störungen (B2B)
- Beratung bei komplexen Produktentscheidungen (Retail/Finance)
- Risiko- und Compliance-Interaktionen (Finance)
Frage 2: Welche Kontakte müssen wir eliminieren – weil sie Wert vernichten?
Beispiele aus der Praxis:
- Statusnachfragen
- Mehrfacherklärungen durch Kanalbrüche
- Rückfragen wegen unklarer Kommunikation
Frage 3: Welche Kennzahlen zeigen Wert – nicht nur Geschwindigkeit?
Neben klassischen Größen (Kosten/Kontakt, SL) braucht es Metriken, die das System abbilden:
- Wiederholkontaktquote
- Kanalwechselquote
- First Contact Resolution (mit sauberer Definition)
- Beschwerde-/Eskalationsrate
- „Time to Resolution“ statt „Time to Close“
Der Kern: Wenn Sie nur Geschwindigkeit messen, bekommen Sie Geschwindigkeit. Wenn Sie Lösung messen, bekommen Sie Lösung.
10) Fazit: Omnichannel ist kein Effizienzprojekt, sondern eine Entscheidung über Wert
Omnichannel wird häufig als Fortschrittsbeweis verkauft. In Wahrheit ist es eine Zumutung oder positiv formuliert eine Herausforderung an die Organisation.
Es zwingt dazu, klar zu beantworten:
- Welche Leistungen soll Kundenservice erbringen?
- Welche Kontakte sind wertvoll?
- Wo beginnt und endet Verantwortung?
- Welche Entscheidungen dürfen Mitarbeitende treffen?
Erst danach lohnt es sich, die Technologie zu skalieren. Denn ohne diese Klarheit ist Omnichannel nur eines: Mehr Kanäle, mehr Volumen, mehr KPI – und ein System, das schneller an seine Grenzen läuft.
Optimierung ist in diesem Verständnis kein Effizienzproblem. Sie ist eine bewusste Entscheidung darüber, wie Organisationen führen, gestalten und Verantwortung übernehmen wollen.
